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DEUTSCHLAND, BLEICHE MUTTER

R: Helma Sanders-Brahms

DEUTSCHLAND, BLEICHE MUTTER von Helma Sanders-Brahms ist mehr als eine intime Geschichtsaufarbeitung der Regisseurin, mehr als eine persönliche Annäherung an die Biographie ihrer Mutter. Der Film ist – das macht schon der Titel deutlich – Exempel einer ganzen Generation von Frauen, „die bei der Machtergreifung der Nazis jung waren, unpolitisch, die betrogen wurden um ihre Jugend, um ihr Glück“. (Gudrun Lukasz-Aden, Christel Strobel)
Die Handlung beginnt im Jahre 1939. Lena (Eva Mattes) und Hans lernen einander kennen, verlieben sich, heiraten, doch das Glück währt nicht lange. Hans wird einberufen. In den kurzen Fronturlauben wird die Entfremdung zwischen den beiden immer deutlicher. Das Wunschkind Anna, in einer Bombennacht geboren, kann die Kluft nicht kitten. Ein weiterer Bombenangriff, viel später, zerstört Lenas Haus. Mutter und Tochter ziehen zu Fuß im Winter durch die Trümmer des Krieges. Voll Poesie sind diese Bilder des Vagabundierens und „eine große Zartheit“ liegt darin, urteilte Hans C. Blumenberg, und: „In der Zerstörung finden sie, Hexen gleich, einen Moment der Freiheit. [...] Der Frieden wird fürchterlich. Mit den Trümmern verschwindet der Geist der Auflehnung. Hexen verwandeln sich wieder in Hausfrauen, die Männer kommen zurück.“ (Die Zeit, 10.10. 1980) Diese Verwandlung von Hexen in Hausfrauen ist wohl kaum ohne Zwang vonstatten gegangen.
Mit dem Frieden beginnt der „Krieg innen“, wie Helma Sanders-Brahms es nennt, der Krieg zwischen den Geschlechtern. Lene, die sich jahrelang allein durchgesetzt hat, wird wieder zurückgedrängt, geschwächt. Sie erkrankt an einer Gesichtslähmung – Symptom ihrer Entmachtung. Der Ehemann erteilt dem Arzt die Erlaubnis, Lene alle Zähne zu ziehen, obwohl sie sich dagegen wehrt. „Der Krieg kommt über alle Frauen, und in den fremden tötet er auch seine eigene“, bemerkt Blumenberg, doch die wahre Tötung der eigenen Frau erfolgt nicht durch Hinrichtung, sondern langsamer, subtiler, in der Zeit des Wiederaufbaus, in der Nachkriegslüge.
Formal besticht der Film durch den Wechsel zwischen langen Plansequenz-Einstellungen, die Beziehungen zwischen den Figuren herstellen, und konventionellen Schuss-Gegenschuss-Einstellungen, die Brüche auf der Beziehungsebene widerspiegeln. Die Handlung wird von der Regisseurin immer wieder aus dem Off kommentiert. Doch sie ist nicht die einzige, die von außen spricht: Hanne Hiob, die Tochter Bertold Brechts, liest anfangs das Gedicht ihres Vaters „Deutschland, bleiche Mutter“. „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen“, heißt es darin und wer spricht 60 Jahre später noch davon?

Deutschland 1980; Regie und Drehbuch: Helma Sanders-Brahms; Kamera: Jürgen Jürges; Musik: Jürgen Knieper; DarstellerInnen: Eva Mattes (Lene), Ernst Jacobi (Hans), Anna Sanders, Miriam Lauer und Sonja Lauer (als Anna), Elisabeth Stepanek (Hanne) u.a.; (35mm; Farbe; 120min).